26. November 1944

 

Gisela Otto, geboren 1930, erlebte 14jährig den Tag der Zerstörung:

So kam es, daß für Erfurt und die Barfüßerkirche der 26. November 1944 wohl der schrecklichste Tag wurde. Für mich wirkt die Nacht vom 25. auf den 26. November 1944 noch heute wie ein böser Traum. Es war Voralarm, als das Drama begann. Meiner Erinnerung nach war noch kein Voralarm gegeben worden. Ich hörte jedoch die Bombenflugzeuge über uns kreisen. Sehr schnell sprang ich aus dem Bett und lief im Nachthemd über den Hof in den Keller. Hier hatten sich bereits Mitbewohner hingeflüchtet. Es gab einen fürchterlichen Knall und einen gewaltigen Luftdruck. Die Kellertür flog zu und ging nicht mehr auf. Danach herrschte plötzlich eine Totenstille. Glücklicherweise war unser Keller mit Durchgängen zu den Nachbarhäusern verbunden, so daß wir, nachdem der Luftangriff vorbei war, nach und nach über die Gänge nach oben krabbelten. Als wir oben auf der Straße angekommen waren, sahen wir das Chaos. Die Barfüßerstraße war eine Trümmerlandschaft. Die Häuser waren wie weggeblasen. Eine Luftmine, so sagte man später, war vor der Kirche explodiert und hatte große Zerstörungen angerichtet. Die Menschen in den Häusern der Barfüßerstraße waren völlig überrascht worden. Sie wurden im wahrsten Sinne des Wortes aus den Betten geschleudert und landeten als Leichenteile in den Bäumen. Bettwäsche hatte sich in den Baumästen verfangen und flatterte im Wind. Die Luftmine bzw. der Luftdruck hat den Menschen die Lunge zerrissen. Die Fenster und Türen in meinem Wohnhaus, Weitergasse 20, und in den Nachbarhäusern waren herausgeflogen. Das Dach war weg und die Wände des obersten Stockwerkes waren eingedrückt. Es war gespenstisch. Die Weitergasse war wie ausgestorben. Die Polizei hatte inzwischen alles abgeriegelt. Die Menschen waren weg, aber wohin waren sie gegangen? Meine Oma und ich hausten eine Zeit lang im Keller.

Brigitte und Dorothea Wiedemann berichten über den Tag der Zerstörung:

Und dann kam der Alarm gegen 1 Uhr. Schnelle Handgriffe, eilende Schritte. Plötzlich ein immer näher kommendes ohrenbetäubendes Brausen und Sausen ähnlich der gewohnten Tiefflieger, aber viel unheimlicher. Wir stürzten die Kellertreppe hinunter so schnell es ging. Ich war die Letzte, als ich die letzten Stufen hinabgeschleudert wurde und, von einem eisernen, starken Fenstergitter getroffen, zu Boden stürzte. Stille – Dunkel – Mörtel und Staub zwischen den Zähnen und in den Augen. Plötzlich ertönte mein Ruf: „Mutti!“ Der Urschrei der Angst eines Kindes um seine Mutter. Wir erstarrten alle vor Schreck, sie war die Einzige die fehlte. Da taumelte sie im Dunkeln die Treppe hinunter, im Kerzenlicht sahen wir ihr blutendes, von Glassplittern zerschnittenes Gesicht. Aber sie lebte! Inmitten der unheimlichen Stille, in der wir eng bei einander warteten und horchend im Luftschutzkeller saßen, hörten wir den Hilferuf unseres Nachbarn, Herrn Wettley: „Helft mir, helft mir! Paula wo bist du?“ Mein Vater bahnt sich mit der Taschenlampe einen Weg durch den Notzugang im Keller nach dem Nachbarhaus hindurch. Als er wiederkam, mußte er etwas Schreckliches erlebt haben, er sagte voller Trauer: „Frau Wettley ist tot.“ Gerade an diesem Abend war sie auf dem Sofa im Wohnzimmer liegen geblieben, und der Rahmen eines schweren, großen Ölgemäldes hatte sie erschlagen. Endloses Warten auf Entwarnung. Niemand verspürte irgendeine innere Regung, weder Schlaf noch Hunger oder Durst, noch Schmerz, noch bange Erwartung, noch Erleichterung. Wie ausgehöhlt war auch mein Gemüt, als ich schließlich im Morgengrauen den Keller verlassen konnte, um mit meiner Mutter den Weg zur Ersten Hilfe im Katholischen Krankenhaus zu suchen. Den Weg?! Es gab vorerst kein Durchkommen. Die Vorderseite unseres Hauses glich einer Puppenstube, ohne Wand. Über dicke Steinbrocken stiegen wir auf die Straße. Ein grauenvoller Anblick bot sich unseren Augen: Um uns herum türmten sich hohe Steinhaufen wie in einer vorsintflutlichen Zeit, die Häuser gegenüber der Kirche war völlig zerstört, aber die Nordseite und vor allem und erstaunlicherweise der Westgiebel hatte dem starken Druck standgehalten. Eine Luftmine, keine Brandbombe! Und über all dieser Verwüstung stand ein kalter, weißer Vollmond und beleuchtete die Trümmer gespenstisch.

Die Texte sind entnommen der Denkschrift "Barfüßerkirche zu Erfurt. Zum Gedenken an die Zerstörung am 26. November 1944", die Predigergemeinde und Initiativkreis 2010 in zweiter Auflage (32 Seiten, zahlreiche schwarz-weiße Abbildungen) herausgegeben haben.

Inhaltsverzeichnis

  • Vorwort zur zweiten Auflage
  • Die Barfüßerkirche - ein geschichtlicher Abriß
  • Der Tag vor dem 26. 11. 1944
  • Totensonntag 1944
  • Der Krieg kommt in die Heime
  • Kindheitserinnerungen und die Barfüßerkirche
  • Gemeindeglieder, die bei der Zerstörung ums Leben kamen
  • Sitzungen des Gemeindekirchenrates 1944 bis 1949
  • Geh und baue mein Haus wieder auf...




    Die Denkschrift ist zum Preis von 2,50 € in der Barfüßerkirche und bei der Predigergemeinde zu erwerben.

    Wir senden Sie Ihnen auch gern zu (Versandkosten 1,50 €).